
von Gerhard Charles Rump
Auf den ersten Blick mag es erstaunen, daß Größe auch eine ästhetische
Kategorie ist. Das war aber schon immer so: Künstler haben seit je
virtuos mit den Verhältnisse unterlebensgroß - lebensgroß -
überlebensgroß gespielt. Wir beziehen Größenmaßstäbe stets auf unsere
Körpergröße: Was kleiner ist als wir es sind, gilt zunächst als
ungefährlich (was ein fataler Irrtum sein kann), erregt aber durchaus
unsere Neugier. Gleiche Größe reizt zum Austesten der Kräfte, kommt uns
als alter ego entgegen. Was überlebensgroß ist, uns weit überragt,
weckt Ehrfurcht und Furcht. Das gilt für die reale Größe, für das
Format eines Objekts, eines Bildes.
Diese Verhältnisse sind aber auch in einer Abbildungsmatrix wirksam.
Man kann stets Ähnliches annehmen, wenn etwa ein Objekt auf einem
kleinen Bild als monumental wiedergegeben wird. Nur, daß hier dann die
Wirkungsweisen als mittelbare, nicht mehr als unmittelbare anzusehen
sind. Hier wird dann auf Erfahrung und Reflexion gesetzt.
Die Problematik des Maßstabes im Bilde war auch den Alten meistern wohl
bekannt. Der Kölner Künstler Matthias Brock, dem die Galerie Caprice
Horn gerade eine Einzelausstellung widmet, kennt sie ebenso, und er
macht sie sich für seine Zwecke dienstbar. Er rückt seine Motive nach
vorn. Dadurch entsteht eine Monumentalisierung der Objekte. Sie wirken,
gleich ob Pfirsich oder Feige, Artischocke oder Aubergine, wie
Nachfahren des Koloß von Rhodos. Brock steht aber nicht nur in der
Traditionslinie der Monumentalisierer, sondern er gehört auch zu den
Stillebenmalern. Er arbeitet bei Obst und Gemüse und auch bei seinen
Krabbeltieren überaus detailgenau, da entsteht die Illusion von
Greifbarkeit, so wie es in der niederländischen Kunst üblich war. Aber
Brock kennt auch die spanischen Stilleben, und macht sich deren
strenge, reduzierte Bildform zu eigen. Die klare Abgrenzung von Boden
und Hintergrund und die Verweigerung einer relativierenden Atmosphärik
lenken den Blick immer wieder auf das Wesentliche hin.
Matthias Brock hält es in seinen Bildern aber wie James Joyce in
"Finnegans Wake". "I tell you no story" sagte Joyce darin, und auch
Brock ist kein Narrator. Hier hat's keine Geschichte, keine Lehre,
keine Agenda. Statt dessen wirken die Bildgegenstände wie exquisite
Fundstücke, die man selbst als Betrachter in einen Zusammenhang zu
bringen hat. Man sucht, immer fieberhafter, nach Entsprechungen im
eigenen musée imaginaire, in der Kunst- und Wunderkammer des
Gedächtnisses. Und da kommt nun bei jedem zwar etwas anderes in Frage,
aber bei allen doch etwas grundsätzlich Ähnliches.
Man mag auch versucht sein, hier und da, freudianisch oder nicht,
Symbolisches am Werke zu vermuten. Hebt hier Sexualsymbolik ihr Haupt?
Ist die Obstfrucht so unschuldig, wie sie es in ihrer Präzision der
Wiedergabe zu sein scheint? Ist der Heuschreck nur ein Grashüpfer oder
ist etwa die Gottesanbeterin ein Kristallisationspunkt beunruhigender
Übertragungen ihres Lebenswandels auf unsere menschliche
Erfahrungswelt? Auf jeden Fall: Alles ist klar und einfach, aber nichts
ist wie es scheint.
Wichtig ist, auf die gleichzeitige Gegenwart von Insekten und Baum- und
Feldfrüchten hinzuweisen. Hier gibt es in der Tat einen direkten
historischen Verweis auf die Stillebenmalerei der Niederländer. Damals
galten die Sechsbeiner im Bilde stets als Symbolträger der
Vergänglichkeit. Man will hier durchaus ein Gleiches erkennen, denn
mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Hier springt aber kein
Sensenmann mit dem Sarg unter dem Arm ins Bild, hier gibt es nur die
Erinnerung daran, wie gefährdet alles ist, das doch in voller Pracht
steht. Allein schon die gepflückte, die geerntete Frucht ist in sich
ein Sinnbild von Vollendung auch im Sinne des Nicht-mehr-weiter. Und
vielleicht treiben uns die Insekten an, das Geerntete zu genießen,
bevor ein anderer es tut. Ja, wir täten wirklich gut daran.
Bei allem Inhaltlichen, das durch Matthias Brocks strenge Form präsentiert wird wie ein Karfunkelstein in der Fassung, muß auch das Augenmerk auf der Malerei liegen. Denn Matthias Brock ist ein Maler von hohen Graden, seine Chromatik, seine farbigen Schatten, seine strahlenden Lichter sorgen für ästhetische Erlebnisse. Gemalte Bilder sind, weil nicht bewegt, Felsen in der Brandung der Fernseh- und Filmbilder, die ja vorüberziehen wie nächtliche Schatten. Das gemalte Bild hat seine eigene Präsenz, die Dauer beinhaltet, das Zurückkehren-Können. Preise: 700 bis 1400 Euro für kleinere Formate, größere 3200 bis 5200 Euro.
Rykestraße 2; bis 2. April. Di-Fr 13-17, Sa 11-19 Uhr,
Artikel erschienen am Fr, 18. Februar 2005