Fr 18.Februar 2005

Nichts ist, wie es scheint

Matthias Brock und seine Stilleben in der Galerie Caprice Horn

von Gerhard Charles Rump

Auf den ersten Blick mag es erstaunen, daß Größe auch eine ästhetische Kategorie ist. Das war aber schon immer so: Künstler haben seit je virtuos mit den Verhältnisse unterlebensgroß - lebensgroß - überlebensgroß gespielt. Wir beziehen Größenmaßstäbe stets auf unsere Körpergröße: Was kleiner ist als wir es sind, gilt zunächst als ungefährlich (was ein fataler Irrtum sein kann), erregt aber durchaus unsere Neugier. Gleiche Größe reizt zum Austesten der Kräfte, kommt uns als alter ego entgegen. Was überlebensgroß ist, uns weit überragt, weckt Ehrfurcht und Furcht. Das gilt für die reale Größe, für das Format eines Objekts, eines Bildes.

Diese Verhältnisse sind aber auch in einer Abbildungsmatrix wirksam. Man kann stets Ähnliches annehmen, wenn etwa ein Objekt auf einem kleinen Bild als monumental wiedergegeben wird. Nur, daß hier dann die Wirkungsweisen als mittelbare, nicht mehr als unmittelbare anzusehen sind. Hier wird dann auf Erfahrung und Reflexion gesetzt.

Die Problematik des Maßstabes im Bilde war auch den Alten meistern wohl bekannt. Der Kölner Künstler Matthias Brock, dem die Galerie Caprice Horn gerade eine Einzelausstellung widmet, kennt sie ebenso, und er macht sie sich für seine Zwecke dienstbar. Er rückt seine Motive nach vorn. Dadurch entsteht eine Monumentalisierung der Objekte. Sie wirken, gleich ob Pfirsich oder Feige, Artischocke oder Aubergine, wie Nachfahren des Koloß von Rhodos. Brock steht aber nicht nur in der Traditionslinie der Monumentalisierer, sondern er gehört auch zu den Stillebenmalern. Er arbeitet bei Obst und Gemüse und auch bei seinen Krabbeltieren überaus detailgenau, da entsteht die Illusion von Greifbarkeit, so wie es in der niederländischen Kunst üblich war. Aber Brock kennt auch die spanischen Stilleben, und macht sich deren strenge, reduzierte Bildform zu eigen. Die klare Abgrenzung von Boden und Hintergrund und die Verweigerung einer relativierenden Atmosphärik lenken den Blick immer wieder auf das Wesentliche hin.

Matthias Brock hält es in seinen Bildern aber wie James Joyce in "Finnegans Wake". "I tell you no story" sagte Joyce darin, und auch Brock ist kein Narrator. Hier hat's keine Geschichte, keine Lehre, keine Agenda. Statt dessen wirken die Bildgegenstände wie exquisite Fundstücke, die man selbst als Betrachter in einen Zusammenhang zu bringen hat. Man sucht, immer fieberhafter, nach Entsprechungen im eigenen musée imaginaire, in der Kunst- und Wunderkammer des Gedächtnisses. Und da kommt nun bei jedem zwar etwas anderes in Frage, aber bei allen doch etwas grundsätzlich Ähnliches.

Man mag auch versucht sein, hier und da, freudianisch oder nicht, Symbolisches am Werke zu vermuten. Hebt hier Sexualsymbolik ihr Haupt? Ist die Obstfrucht so unschuldig, wie sie es in ihrer Präzision der Wiedergabe zu sein scheint? Ist der Heuschreck nur ein Grashüpfer oder ist etwa die Gottesanbeterin ein Kristallisationspunkt beunruhigender Übertragungen ihres Lebenswandels auf unsere menschliche Erfahrungswelt? Auf jeden Fall: Alles ist klar und einfach, aber nichts ist wie es scheint.

Wichtig ist, auf die gleichzeitige Gegenwart von Insekten und Baum- und Feldfrüchten hinzuweisen. Hier gibt es in der Tat einen direkten historischen Verweis auf die Stillebenmalerei der Niederländer. Damals galten die Sechsbeiner im Bilde stets als Symbolträger der Vergänglichkeit. Man will hier durchaus ein Gleiches erkennen, denn mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben. Hier springt aber kein Sensenmann mit dem Sarg unter dem Arm ins Bild, hier gibt es nur die Erinnerung daran, wie gefährdet alles ist, das doch in voller Pracht steht. Allein schon die gepflückte, die geerntete Frucht ist in sich ein Sinnbild von Vollendung auch im Sinne des Nicht-mehr-weiter. Und vielleicht treiben uns die Insekten an, das Geerntete zu genießen, bevor ein anderer es tut. Ja, wir täten wirklich gut daran.

Bei allem Inhaltlichen, das durch Matthias Brocks strenge Form präsentiert wird wie ein Karfunkelstein in der Fassung, muß auch das Augenmerk auf der Malerei liegen. Denn Matthias Brock ist ein Maler von hohen Graden, seine Chromatik, seine farbigen Schatten, seine strahlenden Lichter sorgen für ästhetische Erlebnisse. Gemalte Bilder sind, weil nicht bewegt, Felsen in der Brandung der Fernseh- und Filmbilder, die ja vorüberziehen wie nächtliche Schatten. Das gemalte Bild hat seine eigene Präsenz, die Dauer beinhaltet, das Zurückkehren-Können. Preise: 700 bis 1400 Euro für kleinere Formate, größere 3200 bis 5200 Euro.

Rykestraße 2; bis 2. April. Di-Fr 13-17, Sa 11-19 Uhr,

Artikel erschienen am Fr, 18. Februar 2005