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Darmstadt
Samstag, 21. August 2010

Eine Spielwiese der Kunst

Ausstellung: Die Darmstädter Galerie Netuschil zeigt "Gärten - Orte des Glücks und der Verwunschenheit"

Von Anja Trieschmann

DARMSTADT. Gärten drücken Seele aus. Sie tragen den Stempel dessen, der sich um ihre Gestaltung müht. Darin ähnelt der Garten dem Kunstwerk, das, einem inneren Bild, Gestaltungskonzept oder Impuls folgend, Ausdruck eigensinnigen Schöpfungswillens ist. Wie sich Garten und Kunst durchdringen und befruchten, das nimmt die Darmstädter Galerie Netuschil zum Anlass ihrer neuen, am Zeitgeist explodierender Gartenlust orientierten Ausstellung: "Gärten - Orte des Glücks und der Verwunschenheit" lockt der Titel in ein ebenso vielseitiges wie selbstgenügsames, bisweilen augenzwinkernd animalisches Arkadien, dem Sündenfall und Vertreibung - bis auf eine Ausnahme - noch bevorstehen.

Die Spielwiese der Sinne ist Tummelplatz von Rudi Weiß dessen Kompositionen in ihren spiegelnden, die Leinwand ausfüllenden Farbstrukturen an Monets Seerosenteiche erinnern. Toller treiben es jene, die Farbe wie pomadisiertes Haar modellieren, es zupfen und zu Wogen türmen: Taktile Wolllust scheint Harry Meyer und Christopher Lehmpfuhl zu motivieren, ihre Gartenmotive - eine Blumenwiese, Äcker - an der Grenze zur Abstraktion aus den Leinwänden wuchern zu lassen. Im Kontrast dazu durchzieht die Lininenzeichnungen von Matthias Beckmann eine ätherische Leichtigkeit: Auf der Grenze zwischen Dokumentation und abstrahierender Auflösung des Motivs angesiedelt, zeichnete er sich bei einem Besuch des Mariposa-Projekts auf Teneriffa durch die künstlerisch gestalteten Gartenanlagen des als Zukunftswerkstatt für Querdenker angelegten Inspirationsortes. Eine Lanze für die Lebensberechtigung des Unkrauts bricht Bert Brecht, der schrieb: "Und übersieh mir nicht / zwischen den Blumen das Unkraut, das auch / Durst hat." Dem verleiht Stefan Wehmeier in seinem Gartenmalstück Ausdruck: Lustvoll wuchert Farbwildnis, rücken Tönungen flächig zusammen, spitzt Farbgrund durch Kratzspuren, springen leicht grafische Lineaturen durchs Bild - alles darf sein.

Mehr Ordnung infolge motivischer Wiederholung, mehr Ruhe, Tiefe und die im Ausstellungs-Titel versprochene Verwunschenheit finden sich in den dunkler getönten Ornamentschichtungen von Gerd Winter.

Matthias Brock sucht malerisch das wimmelnde Unterholz auf, den von hungrigen Mäusen durchflitzten Garten oder den Teich, in dem sich, dickbäuchig übers Großformat verteilt, in animalischer Kabbelei Frösche vermehren.

Ein Kinderspiel, denkt Andreas Welzenbach und treibt den koitalen Aspekt der Gartendynamik auf die Spitze: Ein gelbes Glühbirnchen lockt kopulierfreudige Holzbienchen im schwarzgelben Lackstreifenkostüm zur Leibesertüchtigung nach Kamasutra-Art. Ähnlich unsentimental rückt Bruno Feger die Bedingungen für das Entstehen eines Gartens wie eines Kunstwerks in den Blick: Sein geschmeidig gewundenes Grünzeug, mehr als zwei Meter hoch und aus geschweißtem Stahl, schuldet seine Herkunft einem Besuch im Baumarkt: Ein Gestell aus Einkaufswagen und Schraubzwingen, das der Skulpturengruppe als Sockel und Halterung dient, macht den Ursprung augenfällig.

Der Rauswurf aus dem Paradies, die Kehrseite Arkadiens, ist mit einem einzigen Gemälde schwach repräsentiert. Elisabeth Weckes verwandelt in ihrer Malerei das Zitat persischer Literatur und die Tradition des schutzbietenden Rosenhains in eine apokalyptische Dornenwüste, in der nur noch bizarre Formen eine Überlebenschance haben.

Artikel erschienen am Sa, 21. August 2010