Rede anl”sslich der Ausstellung „This Way“ mit Arbeiten von Elizabeth Weckes und Matthias Brock, Tempor”re Galerie der Stadt Willich, Schloss Neersen, 01.09.-22.09.2002


Sie kennen es sicher. Oft finden sich in Ausstellungskatalogen, Kunstgeschichtsb¸chern oder so genannten Monographien neben der Gesamtansicht eines Bildes oder einer Skulptur auch Detailaufnahmen. Ausschnitte aus dem Ganzen, die f¸r sich gesehen (sic!) ein eigenes, kleines Kunstwerk darstellen; die einen eigenen Horizont, eine eigene Aussage, ein eigenes Spiel mit Farben und Formen, Inhalten und Metaphern offenbaren; die f¸r das groþe Ganze so bedeutend sind wie ein winziges goldenes Zahnrad f¸r die Pr”zision einer Schweizer Uhr; deren Vorhandensein erst der letzte Schl¸ssel zum Verst”ndnis eines Werkes ist; die die Geschichte der Arbeit weiter erz”hlen – ja, manchmal auch erst „erkl”ren“. – Des Pudels Kern, Goethe, sie wissen schon! Manchmal sind es eben die Details, die ein Bild wirklich spannend machen. Gerade die Alten Meister haben viel Wahrheit im vermeintlich Nebens”chlichen versteckt. Nichts wurde unbewusst „notiert“, k–nnte man sagen. Alles besitzt seine Berechtigung.
Hier, so meine ich, setzen die Arbeiten von Elizabeth Weckes und Matthias Brock an. Wenn es eine Gemeinsamkeit der beiden K¸nstler gibt, dann ist es diese Suche nach dem (zeigenswerten) Detail, der gespannte, aufmerksame Blick auf das kleine Wesentliche; ist es die mikrokosmische Geschichte, die f¸r den Makrokosmos tragend, bestimmend, ja, gleichbedeutend ist.
Doch zugleich ist damit der Gleichheit oder Ÿhnlichkeit Ende benannt. Denn mehr als diesen Ansatz haben beide nicht gemein. – Warum, darauf werden noch kommen.
Ich beginne mit Matthias Brock, weil das B vor dem W im Alphabet kommt und weil seine Bilder f¸r mich noch neu sind.
Matthias Brock, der Maler, erz”hlt Geschichten. Solche vom Ende eines Fisches; vom Liebesleben der Fr–sche; von erotisch-masochistischen Fantasien angesichts einer aufgeschnittenen, prallen Melone; von diebischen Katzen; von der Grausamkeit und Hartherzigkeit des Lebens; von der Sch–nheit und Erhabenheit der Natur. Die Szenen gleichen den Plots eines Erz”hlers, der noch dazu den Details des Geschehens seiner Geschichte groþe Bedeutung beimisst; der ein ebenso guter Beobachter wie Erfinder – und Schwindler ist, wenn es denn seiner Geschichte dient. Wahrheit, Erfahrung und Fantasie, Einbildung liegen nahe beieinander. Sie sind gewissermaþen die zwei Seiten einer Medaille. (Vergessen wir nicht, eine Medaille von Wert hat immer zwei Schauseiten. Die dritte Seite, der Rand, w”re bei Brock die Titelei, die nie losgel–st von den Bildern existiert. Aber das ist schon wieder eine Geschichte f¸r sich.) Das Maþ der Realit”t, das heiþt die M–glichkeit, dass das Gezeigte der Wahrheit des Gesehenen – und Geschehenen entspricht, ist bei Brock sehr groþ. Der Maler ist nur derjenige, der ausw”hlt, der den Fokus weiter oder enger zieht, das Portr”t eines Schwertfischkopfes zeigt, oder die Art-erhaltene Orgie von lauter Fr–schen. Doch nichts legt etwa den Schluss nahe, dass es nicht so gewesen sein k–nnte oder sich so nicht geh–rte. Die Szenen auf Brocks Bildern haben etwas Lebendiges, Echtes, Nat¸rliches. Der Tod eines Tieres erscheint als Teil des Lebens – die Metapher d¸rfte jedem klar sein. Ungew–hnlich ist vielleicht f¸r den einen oder anderen, dass es sich hier tats”chlich um Malerei handelt und nicht um Fotografie oder die Nach”ffung von Fotografie. Die Anmutung ist stets eine Malerische und nicht schon verkl”rt durch die Linse des technischen Hilfsmittels. Es gibt noch unausgeleuchtete Tiefen, nicht alles wird bis ins Letzte im Bild erkl”rt und deklariert. Malerei – gute Malerei, besitzt immer noch ein Geheimnis. Neben der Stofflichkeit und dem haptischen Vergn¸gen, das uns die Technik erweist, dem Eindruck, dass man glaubt, das knistern von Plastikfolie h–ren oder den Staub riechen zu k–nnen, der aus schwerem Brokat aufsteigt; dass man tats”chlich meint, durch den Bildausschnitt in die unterk¸hlte Auslage eines mediterranen Fischladens eintauchen zu k–nnen oder sich auf die sonnendurchflutete Terrasse eines franz–sischen Bauernhauses denkt, ist richtig gute Malerei diejenige, die man sich trotz ihres Realismus oder trotz ihrer Abstraktion immer wieder ansehen m–chte, derer man nicht ¸berdr¸ssig wird. Ihre Geschichte ist niemals eindimensional. Sie zielt sowohl auf kollektive wie auf private Erlebensfelder; sie zitiert sowohl allgemeine wie individuelle Ideale.
Elizabeth Weckes’ Bilder sind hingegen ganz anders. Doch, doch, hier Ÿpfel, da Birnen. Reif, fruchtig und saftig die einen wie die anderen, das schon. Aber der Geschmack? V–llig verschieden! Und ich vergleiche dabei weder den Anspruch der beiden K¸nstler noch ihre jeweilige Kunstfertigkeit. Technisch nehmen sich beide nichts, sie sind Malerin und Maler in der sie auszeichnenden Bedeutung des Wortes. Doch ich sehe – einmal abgesehen von der Liebe zum Detail – die gr–þten Unterschiede in der „Sprache“. Elizabeth Weckes’ Bilder sind ann”hernd surreale Systeme, sie bedienen sich einer realen („echten“) Formensprache und zitieren doch ganz andere Dinge, als die gesehenen Blumenbeete, Kuchenst¸cke, K¸chenstillleben. „La DÈfense“ oder „Le Bastion“ zum Beispiel gehen im Kern auf historische Festungsanlagen irgendwo in Frankreich zur¸ck, obgleich es sich doch offensichtlich um Formationen aus (lieblichen) Blumen handelt. „Phoenix“ und „Lot Fasan“ sind Bilder-Gleichnisse f¸r Anmut und Sch–nheit, wenngleich es sich um Jagdbeute handelt – oder heiþt es Jagdertr”ge? Das Paradies der kleinen Welt, das Rasenst¸ck, die Trauben mit Ohrclips auf weiþem Grund, das Klappmesser mit dem Obst, die Blumen, der Bl¸tenkelch, steht das alles nicht vielleicht f¸r die Verh”ltnisse im echten Leben? Agonie, Mord und Tod sind Alltag. Liebhaberei und Erotik auch. Wie Lust und Gewalt. Wir wissen, manche Architektur klaut ganz offen von der Natur – die ja nicht zu Unrecht gerne als „Baumeister“ bezeichnet wird. Warum kann es nicht auch umgekehrt sein? Anders als bei Matthias Brock besitzen die Geschichten der Bilder von Elizabeth Weckes keinen Wahrheitsfonds, der sie auch nur so geschehen lassen k–nnte. Die Ðberzeichnung des Realen, eben das Surreale, dominiert. Wohlgemerkt nicht allein in der Gestalt, sondern vor allem in dem Moment, wie sich die Gestalt, die Form im Bild produziert, wie sie sich dem Betrachter vergegenw”rtigt. Es ist, als vermenschliche sich so manches Bild bei Elizabeth Weckes, als ¸bern”hmen die Figuren, die Pflanzen und Tiere andere Rollen. Als spielten sie das Menschenleben nach oder w”ren noch mehr Ideengeber und Vorboten, als angenommen.
Vielleicht sehen auch Sie diese Unterschiede, die f¸r mich so spannend sind. Vielleicht anerkennen auch Sie, neben der k¸nstlerisch-technischen Qualit”t die Individualit”t, die die figurative – die gegenst”ndliche Malerei besitzen kann. Wo der belanglosesten Abstraktion Eigenst”ndigkeit und das Recht auf Selbstbehauptung zugestanden wird, sollte doch auch gleiches f¸r den Realismus gelten. Schlieþlich erleben ja auch wir den Tag ein jeder f¸r sich.

© Text: Stefan Skowron, Thomashofstraþe 58, 52070 Aachen, stefanskowron@aol.com